Wenn das Essen zur Last wird: Ein Gastbeitrag von Melanie Kaufmann

Mir selber etwas vorzumachen, darin war ich ein Genie. So hab ich lange selber nicht wahrgenommen, wie unglücklich ich in Wahrheit mit mir selber war. Ich habe jahrelang eine Mauer um mich herum aufgebaut und konnte so von meiner inneren Welt ablenken. Zu meinem Glück begab ich mich vor ungefähr zwei Jahren auf einen Weg, Schritt für Schritt zu einem gesunden Selbstbild, zu mehr Selbstliebe, Selbstvertrauen, zu einer normalen Wahrnehmung und gesundem Essverhalten zurück zu finden.

foodmag.ch - Melanie Hofstetter

Kurz zu mir, ich bin Melanie…

…34 Jahre alt, verheirate, Mama von zwei lebhaften, wunderbaren Kindern und lebe in der wunderschönen Zentralschweiz. Seit Jahren hatte ich mit Übergewicht zu kämpfen und mühte mich von einer Diät zur Anderen ab. Abmühen klingt vielleicht etwas hart, doch rückblickend waren diese Jahre es wirklich. Es gibt kaum eine Diät, die ich nicht kenne und ausprobiert habe.


Ich strebte nach der Perfektion, wollte mich schön fühlen und konzentrierte mich auf alles, was ich nicht hatte oder dachte, nicht zu sein. Ich verglich mich mit anderen Frauen und beneidete sie, um deren, in meinen Augen, schönen Äusserlichkeiten und tollen Eigenschaften. Heute blick ich zurück und habe für mich erkannt, es war ein unglaublicher Teufelskreis, dem ich entkam. Vielleicht kennst du diese Gefühle und kannst nachvollziehen, wie es mir ergangen ist, während du diese Zeilen liest.

Gefühle mit Essen zu stimulieren, wurden zu einem unsichtbaren Zwang, ein richtiges Laster. Ein Zwang, der nur kurzfristig gestillt wurde. Ein Stück Schoggi hier, ein Hefegebäck da, ein Kaffee Latte am Vormittag, bestenfalls auch noch am Nachmittag. So viele Dinge, Routinen, Gewohnheiten und Nahrungsmittel hatten mich unbewusst abhängig gemacht. Ich redete mir ein, dass ich mich selber belohne und hab viel zu spät erkannt, dass ich mit diesem Verhalten das absolute Gegenteil bewirkte. Ich startete zum X-ten Mal eine weitere Diät, welche ich mit Erfolg durchzog. Die Kehrtwende kam, sobald ich in meine alltäglichen Gewohnheiten zurückkehrte. Bereits nach kurzer Zeit befand ich mich wieder in der negativ Spirale und alles fing von vorne an. Ich machte mit den selben Routinen weiter, wie vor der Diät.

Ich war extrem unglücklich in meiner Haut. Ich war undiszipliniert in meinen Gewohnheiten, hatte mir schlechte Routinen angeeignet und meine schlechten Gefühle mit Essen befriedig. Über die Jahre verlor ich mein Sättigungsgefühl und mein Körpergefühl komplett. Zu dieser Zeit entstand wohl auch die falsche Selbstwahrnehmung. Mein Verlangen nach Schokolade und fettigen Köstlichkeiten wurde in stressigen und nervenaufreibenden Situationen so stark, dass Essen für mich keinen Genuss mehr war. Ich konnte in schlechten Situationen sowie in glücklichen Momenten essen und fühlte mich nach den Mahlzeiten oft schrecklich. Schlechtes Gewissen und negative Selbstgespräche hielten Einzug und wurden mit jedem Jahr extremer und alltäglicher. Scham, Enttäuschung, Verachtung gegenüber mir selber waren an der Tagesordnung.

Und so war es nicht verwunderlich, dass ich nach einer gewiesen Zeit wieder am genau gleichen Punkt stand, wie vor Diät XY. Das Gewicht ging Hoch, Runter und wieder Hoch, doch meine Routinen und wie ich mit mir selber sprach, blieben die selben. Was ich meinem Körper und meiner Seele damit antat, ist mir erst viel später bewusst geworden. Mein Stoffwechsel, meine Verdauung, meine Motivation waren im Keller und von meinem Gemütszustand, meiner Innenwelt, wollen wir garnicht sprechen. Ich war frustriert, gestresst, verletzt und oft auch einfach nur überfordert. Ich redete mir ein, dass ich mich doch gesund ernähre, tat aber oft das Gegenteil. Es war nicht so, dass ich irgendwelche Unmengen Essen in mich hinein stopfte, es war wohl eher so, dass es jeden Tag ein Wenig mehr war, dass mich schlussendlich auf stolze 82 kg bei 158 cm brachte.

Die eigene falsche Wahrnehmung und mein wahres ICH blendete ich komplett aus. Irgendwie hatte ich mich ein Stück weit aufgegeben und war nicht wirklich liebevoll mit mir umgegangen. Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich darin eine Frau, die sich selber nicht gefiel, sich nicht wohl fühlte in ihrem eigenen Körper und trotzdem alles verharmloste. Alles an meinem Körper fand ich abstossend und blendete so mit der Zeit mein Spiegelbild aus. Nahm mich nicht mehr wahr, wenn ich in den Spiegel blickte.

Glücklicherweise darf ich heute auf diese schmerzhafte Vergangenheit zurückblicken, bin von tiefster Dankbarkeit erfüllt, stehe ich heute an einem ganz anderen Punkt. Findest du dich in meinem Text mehr oder weniger wieder, so möchte ich dir Mut zu sprechen und hoffe, ich darf dich sogar etwas inspirieren. Was sich seit ungefähr zwei Jahren verändert hat? Auf diese Reise nehm ich dir gerne bei meinem nächsten Beitrag mit. Eins darf ich dir aber jetzt schon verraten, mein Leben hat sich komplett zum Positiven verändert - ja ich kann sagen, heute bin ich ein anderer Mensch.

Während ich diese Zeile hier schreibe, teile ich sehr intime, persönliche Gedanken und Gefühle mit euch, die ich so noch nie mit jemandem geteilt habe. Schmerz steigt in mir hoch und dient mir gleichzeitig zur Verarbeitung meiner Vergangenheit. Das eigene Verhalten zu reflektieren, mir selber zu verzeihen und die Vergangenheit loszulassen ist unglaublich befreiend. Ich war innerlich total verzweifelt, muss ich heute schmerzlich zugeben. Baute Mauern auf, zog mich zurück und spielte vieles vor. Ich war nicht ICH!


Heute lebe ich mein wahres ICH voll aus. Ich habe zu mir gefunden, hab gelernt mich zu akzeptieren, zu lieben und lebe in Harmonie mit mir und meinem Körper. Und wenn ich das geschafft habe - dann schaffst du das auch.

Herzensgruss Melanie