Veganismus - mehr als ein Trend? Ein Gastbeitrag von Norah Steiner

Jahrelang habe ich als Heuchlerin gelebt. Ich wusste schon lange, dass die Food-Industrie Blut an den Fingern hat, schliesslich gingen die Skandale um Nestlé und die Berichte über die Ausbeutung von Tieren und über die Abholzung des Regenwaldes (nicht nur für die Gewinnung von Palmöl und von Bodenschätzen, sondern auch für Rinderweiden und für Soja-Plantagen, um Nahrung für Nutztiere zu produzieren) nicht spurlos an mir vorbei. Doch ich stellte mich taub, blieb ignorant, weil ich lieber unkompliziert bleiben wollte. Weil ich es liebe zu Essen und ich auf nichts verzichten wollte.


Auf SRF sah ich einen Dok-Film über einen Mönch, der in den Bergen lebt und an den meisten Tagen nur eine Tasse Tee und ein Glas Milch zu sich nimmt. Danach entschied ich mich, dass es endlich an der Zeit war, mich zu informieren. Wenn Bruder Markus auf fast alles verzichten kann sollte es doch auch für mich möglich sein, ein paar Abstriche zu machen. Wütend auf mich selbst und meine ewige Ignoranz begann ich mir jede Doku über Veganismus reinzuziehen, die ich auf Netflix und im Netz finden konnte. Ich schaute What the Health, Earthlings, Cowspiracy, Land of Hope and Glory und Forks Over Knives. Aber auch andere Filme über Achtsamkeit und Umweltschutz wie Minimalism, The True Cost, Before the Flood und The Story of Stuff.

20 Stunden vor dem Bildschirm. Ich wusste, es gibt kein Zurück mehr.

In Zürich und in Bern gibt es den veganen Laden Eva’s Apples. Das vegane Restaurant Karls Kraut in der Luzerner Altstadt läuft gut. Will man Abends dort essen, empfiehlt es sich einen Tisch zu reservieren. Während vor zehn Jahren Vegetarier in der Schweiz noch scherzhaft als Exoten abgestempelt wurden, finden sich inzwischen in den meisten Restaurants mehrere Vegi-Optionen auf der Menükarte. Vegetarier werden endlich ernst genommen. Bald wird auch der Veganismus akzeptiert sein, da die Menschen zunehmend verstehen, dass es sich hierbei nicht nur um einen Trend sondern um eine Lebensweise handelt, die ganz viel Sinn ergibt. Abgesehen vom Tierwohl spielt bei der veganen Ernährung auch die Umwelt und die eigene Gesundheit eine zentrale Rolle.

Seither ernähre ich mich Zuhause vegan. Auswärts mache ich Ausnahmen. Veganismus liegt im Trend. Der Hipster von heute verzichtet auf tierische Produkte, lebt bewusst - und wird belächelt. Doch es kann nicht geleugnet werden, dass ein Umdenken stattfindet. Der Umweltgedanke rückt immer weiter in den Vordergrund. In einer Zeit in der der Klimawandel präsenter denn je ist, ist dies auch dringend notwendig. Aufgrund der erhöhten Nachfrage erweitern Lebensmittelgiganten ihr veganes Sortiment. Coop hat in Zürich und in Zug Shops ihrer Karma-Linie eröffnet, in denen nur vegetarische und vegane Produkte verkauft werden, zudem wird mehrheitlich auf Plastikverpackungen verzichtet.

Für mich ist der Veganismus eine Bewegung, die ein humaneres Miteinander fordert. Sie sagt: „Denkt, bevor ihr konsumiert!“ Es sind nicht nur die Hipster, die diese Bewegung voran treiben. Im Gegenteil, schliesslich gibt es schon seit Jahrzehnten Veganer, lange bevor Coop die Karma-Linie oder Mirgros Alnatura ins Leben gerufen hat, lange bevor es vegane Kochbücher und vegane Restaurants gab. Es wird immer einfacher sich vegan zu ernähren. Und die Zeit wird kommen, in der auch Veganer nicht mehr belächelt werden.